Liebe Österreicherinnen und Österreicher!
Kameradinnen und Kameraden!

Es wird vom BMLV als ungewöhnlich bezeichnet, dass die Verteidigungsministerin der Schweiz ihre Meinung über den Zustand des Bundesheeres offen und ehrlich in einer Diskussionsrunde zum Ausdruck brachte. Und noch dazu durchaus treffend. Man kann das natürlich als eine Meinung abtun. Man kann aber auch darüber nachdenken und sich fragen, wie sie zu einem derartigen Urteil kommt, wo doch österreichische Politiker und Politikerinnen offensichtlich zu genau gegenteiligen Erkenntnissen gelangen?

Dazu habe ich eine auf meiner Berufserfahrung basierende und persönliche Meinung, die ich ihnen nicht verheimlichen möchte:

1) Wir haben offensichtlich verlernt, uns gut und effektiv zu organisieren. Das trifft auf weite Bereiche unseres Staates zu, nicht nur auf das Bundesheer. Ich führe das vor allem darauf zurück, dass uns in unseren Entscheidungspositionen vielfach jene Menschen fehlen, die nicht nur beste theoretische Kenntnisse aufweisen sondern auch wissen, was in der Praxis wie umsetzbar ist. Egal, ob das Gesetzesvorlagen sind oder militärische Befehle - es ließen sich viele Beispiele dafür anführen.

2) Ich orte eine strak zunehmende Frustration bei jenen, die sich vom Staat und der Gesellschaft eine gerechte und ihrer Qualifikation entsprechende Behandlung erwarten. Das Gegenteil ist der Fall, denn engagierte Menschen werden entweder als Querulanten abgestempelt oder zumindest als unbequem dargestellt und empfunden. Meist fehlt der Respekt ihnen gegenüber und von Anerkennung oder gar Teilhabe an Entscheidungen sind wir weit entfernt. Hingegen sind Blender und Selbstdarsteller höchst angesehen, werden hofiert und in das Rampenlicht gestellt, solange es nur möglich ist. Man denke nur an die Commerzbank oder an Wirecard. Man könnte aber deutlich mehr Beispiele finden.

3) Die Politik ist vor diesen Eigenschaften nicht gefeit, hat aber den Vorteil, sich "Stimmen kaufen zu können", weil es ja um die Verteilung von Macht und Einfluss geht, was Organisationen wie etwa das Bundesheer an sich nicht können. Das aber führt leider auch dazu, dass die Politik sich immer auch aus den Reihen des Bundesheeres Zustimmung durch Verleihung vermeintlicher Machtpositionen erheischen kann. Ob dabei immer die Qualifikation der Betroffenen im Vordergrund steht oder doch andere Überlegungen wichtiger sind, sei dahingestellt.

4) Faktum aber scheint zu sein, dass in unserer Gesellschaft eine Entwicklung entstanden ist, die den "Dienst" oder die "Dienstleistung für die Gesellschaft" hintertreibt, was zwischenzeitig in allen Bereichen feststellbar ist. In Vereinen aller Art ebenso wie  auch in den Rettungsorganisationen oder den freiwilligen Feuerwehren.

Das ist schade, weil wir ja eigentlich ein Staatsvolk sind, weil wir uns aufeinander verlassen können müssen. Weil wir nur so europäische Solidarität herbeiführen und erwarten können. Auch in Corona-Zeiten.

Dr. Siegfried Albel, Obst i.R.
Präsident der IGBO