Der vorherige Beitrag "Der Wahlkampf ist eröffnet ..." wurde noch vor der Bekanntgabe der Volksbefragung  erstellt - und somit schneller von der Realität eingeholt, als erwartet. Es bleibt daher nur zu hoffen, dass die österreichische Bevölkerung nicht ebenfalls nach einer möglicherweise inhaltsleeren Debatte zur Abschaffung der Wehrpflicht von der Realität eingeholt wird. Anzeichen hierzu gibt es leider bereits genug.

 

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob in Österreich eine umfangreiche Debatte zur zukünftigen Gestaltung der österreichischen Sicherheitspolitik möglich ist, oder ob sich die Parteien auf eine rein populistische "Schlacht" beschränken.

Eine isolierte Betrachtung des Themas "Wehrdienst", wie dies zum Teil schon angekündigt wurde, wäre mittel- und langfristig gesehen fatal. Eine solche würde die vielschichtigen Abhängigkeiten missachten und ein falsches Bild erzeugen. Vernetztes Denken - ist keine isolierte Fähigkeit, sondern im wesentlichen die Überschreitung von künstlich geschaffenen (Denk-)Grenzen und der Einsatz eines „gesunden Hausverstands“ - ist auch für diese Debatte zwingend erforderlich!

Daher muss klar aufgezeigt werden, dass die Fragestellung "Wehrdienst" vs. "Berufsarmee" für einen Volksentscheid völlig unzureichend ist. Das Volk muss auch mit den Details und Konsequenzen konfrontiert werden. Alles andere wäre fahrlässig und letztendlich eine Irreführung!

Es sind hierzu noch viele Fragen zu stellen - vor allem zu Rechenmodellen. Wie zum Beispiel
  • Welche Fähigkeiten muss das zukünftige Bundesheer abdecken können?
  • Was passiert mit dem überzähligen Personal?
  • Wie lange wirken sich die damit verbundenen Kosten aus
  • Wer trägt diese Kosten? Das ÖBH? Dann fehlen die Mittel für ein neues Heer!
  • Welche Standorte werden geschlossen? Nach welchen Kriterien? Wieder nach politischen? Dann werden auch hier wieder Mittel für das neue Heer fehlen
  • Was passiert, wenn sich nicht genug Freiwillige (nach dem ersten Schwung) finden?
  • Wie soll ein mögliches zukünftiges Wehrsystem konkret aussehen?
  • Kann die Wehrpflicht dazu umfunktioniert werden, die gesamtgesellschaftliche Widerstandsfähigkeit (Resilienz) zu erhöhen? Zukünftige komplexe Schadenslagen oder Extrem Events (OECD) werden nur auf breiter Basis zu bewältigen sein.
  • Welche sonstigen Abhängigkeiten zur Wehrpflicht gibt es sonst noch? Z. B. Musterung = Gesundenuntersuchung
  • Welche legistischen Maßnahmen sind erforderlich?
  • Und noch eine Reihe von weiteren Fragen ...
Diese Debatte darf keines Falls den "Schaumschlägern" überlassen werden - es geht um unser aller Sicherheit. Und nur, weil die meisten anderen EU Staaten bereits eine Berufsarmee haben, heißt das noch lange nicht, dass es die einzige und beste Lösung ist. Die österreichische Sicherheitspolitik ist nicht nur eine Frage des Wehrsystems, sondern ein komplexes System. Diese zeichnen sich durch Nichtlinearität und ständige Rückkoppelungen aus, welche den weiteren Prozessverlauf beeinflussen. Eingriffe wirken sich häufig zeitverzögert aus, was leicht zur Übersteuerung führt. Indirekte Wirkungen verhindern eine Ursachenzuordnung. Die Lösung eines Problems führt daher zur Schaffung von mehreren neuen und auch zeitverzögerten Problemen. Dinge, die auch bei diesem Thema zu berücksichtigen sind!

Der Vorschlag von Andreas Weber im Format vom 30.08.12 sollte durchaus näher betrachtet werden - er reflektiert vernetztes Denken!

"Indem man das „Österreich-Dienst“-Modell der ÖVP und den Profiheer-Vorschlag samt gut dotiertem Freiwilligen-Sozialjahr der SPÖ zu einer Mischvariante formt – das wäre nicht der schlechteste rotschwarze Kompromiss gewesen. Darin hätten alle drei Anforderungen – Aufrechterhaltung der Sozialdienste, Katastrophenschutz und handlungsfähiges Heer – abgedeckt werden können, samt Volksabstimmung über das entsprechende Verfassungsgesetz. So hätte eine saubere Lösung ausgesehen."
Quelle: www.format.at