Obwohl die nächsten Nationalratswahlen erst in einem Jahr statt finden sollen, wurde der Wahlkampf bereits mit dem Thema "Wehrpflicht" eröffnet. Das Thema, dass seit zwei Jahren - ausgelöst durch die Wiener Landtagswahlen - im Raum steht. Und weiterhin dominieren ideologische Grabenkämpfe das Thema. Das Volk soll befragt werden oder vielleicht gleich entscheiden, wie die österreichische Sicherheitspolitik in Zukunft gestaltet werden soll. Doch was soll entschieden werden? Trotz zwei jähriger "Diskussion" gibt kaum substanzielle und sachliche Grundlagen, die eine Befragung oder Entscheidung durch das Volk zulassen würden - es gibt nur leere Phrasen und Aktionen. Beginnend von der fehlenden gesamtstaatlichen Sicherheitsstrategie, einer breiten Diskussion, wie das Sozialsystem ohne Wehrpflicht und damit Zivildienst aufgestellt werden soll, was für Anforderungen für einen "Katastrophenschutzdienst" notwendig sind, oder durch Scheinprojekte bei Eliteverbänden in strukturarmen Regionen, mit denen das Freiwilligenpotential belegt werden soll. Die Politik glaubt zu wissen, dass das Österreichische Bundesheer professioneller werden muss, ist aber nicht in der Lage klare Ziele zu definieren, an denen Professionalität gemessen werden könnte. So gut wie überall wo das Österreichische Bundesheer zum Einsatz kommt wird es in den höchsten Tönen gelobt - ein klarer Widerspruch zur vermeintlichen Unprofessionalität. Daher bleibt der Eindruck, dass das Österreichische Bundesheer durch die Politik nur als Spielball missbraucht und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sowie Soldatinnen und Soldaten bewusst verunglimpflicht werden sollen.
 
Es ist durchaus berechtigt, dass derzeitige Wehrpflichtsystem aufgrund der sich verändernden Umfeldbedingungen in Frage zu stellen. Dazu muss man aber auch wissen, was sich verändert und welche Konsequenzen davon abzuleiten sind. Das die Vaterlandsverteidigung obsolet ist, dürfte nach dem Ende des Kalten Krieges vor mehr als 20 Jahren wohl unbestritten sein. Das sich der Wunschtraum vom immerwehrenden Frieden und Wohlstand wohl auch nicht erfüllen wird, ist mittlerweile auch in der Öffentlichkeit angekommen. Daher wäre es an der höchsten Zeit, die "Rückspiegelmentalität" abzulegen und sich mit den Veränderungen auseinanderzusetzen.

*** Rückspiegeleffekt ***
Niemand würde freiwillig mit dem Auto vorwärts fahren, indem er dabei ausschließlich in den Rückspiegel blickt, um zu sehen, wie erfolgreich die bisherige Strecke bewältigt wurde, wenn sich dabei die Umfeldbedingungen ändern. Eine derartige Vorgangsweise ist aber in anderen Lebenssituationen durchaus gebräuchlich. Hierbei erfolgen die Orientierung am bisherigen Erfolg und eine lineare Projektion der Vergangenheit in die Zukunft. Diese lineare Fortschreibung führt auch dazu, dass Menschen Daten und Informationen falsch interpretieren und dabei mögliche Fehlentwicklungen zu spät erkennen. Dies lässt sich gut mit zyklischen Veränderungen in der Natur, etwa an den Jahreszeiten, beschreiben. Eine Wärmeperiode im Frühling oder im Herbst weißt die selben Daten auf. Einmal ist jedoch eine generelle Temperatursteigerung und im anderen Fall eine -senkung zu erwarten. Werden die sonstigen Rahmenbedingen nicht mitberücksichtigt, kommt es zu Fehlentscheidungen. *** Rückspiegeleffekt ***


Viele aktuelle und globale Krisen, wie etwa die Finanz-, Wirtschafts-, Staatsschulden- oder Energiekrise, der Klimawandel oder die Bevölkerungsexplosion, basieren auf den bisherigen Denkweisen aus dem Industriezeitalter und einer linearen Fortschreibung der Vergangenheit („Rückspiegeleffekt“). Die bisherigen Lösungskompetenzen und -wege sind immer weniger dazu geeignet, die anstehenden Probleme zu lösen. Dies liegt auch daran, dass hier die Einflüsse der Netzwerkgesellschaft – wie etwa durch die Vernetzung – eine wichtige Rolle spielen, aber noch zu wenig berücksichtigt werden.

*** Netzwerkgesellschaft ***
Seit einigen Jahren etabliert sich der Begriff „Netzwerkgesellschaft“ für eine neue Gesellschaftsform, die neben den bisherigen – der „Agrar-“ und „Industriegesellschaft“ – entsteht. Bisher wurden auch die Begriffe „Informations-“ oder „Wissensgesellschaft“ für diese Entwicklung verwendet. Das „Netzwerk“ symbolisiert dabei die bestimmende Organisationsform einer sich verändernden Gesellschaft. Die Vernetzung mit Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) und damit einhergehend die elektronische Kommunikation spielen dabei eine zentrale Rolle. Bei der Netzwerkgesellschaft handelt es sich um kein temporäres Phänomen, sondern sie beschreibt einen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel, der Mitte des letzten Jahrhunderts durch die Entwicklung von Computern ausgelöst wurde. Die Netzwerkgesellschaft ist u. a. durch Personalisierung und Individualisierung, Vielfältigkeit, Asynchronität, Dezentralisierung und Miniaturisierung aber auch durch Transparenz, Partizipation und Kollaboration gekennzeichnet. Hierzu gibt es zahlreiche Beispiele, die laufend mehr werden. Ob dies die dezentrale Energieversorgung, die Nanotechnologie, die Produktwahlmöglichkeiten, das Mit-mach-Web 2.0 oder den immer größer werdenden Dienstleistungssektor betrifft, wir sind täglich mit den Entwicklungen der Netzwerkgesellschaft konfrontiert. Die entstehende Netzwerkgesellschaft erfordert auch neue Spielregeln für das Zusammenleben. Transparenz, Partizipation und Kollaboration spielen dabei eine wichtige Rolle, um mit der von Menschen geschaffenen Komplexität erfolgreich und nachhaltig umgehen zu können. Diese Veränderungen führen auch zu innergesellschaftlichen Konflikten, prallen doch dadurch auch verschiedene Weltsichten aufeinander. *** Netzwerkgesellschaft ***


Um die steigenden Komplexität bewältigen zu können, ist vernetztes und systemisches Denken unverzichtbar. Niemand ist heute in der Lage, alle Aspekte eines vernetzten Systems zu erfassen. Daher ist es Notwendigkeit, möglichst viele Aspekte durch unterschiedliche Betrachtungswinkel zu erfassen. Hier schafft die Netzwerkgesellschaft völlig neue Möglichkeiten. Das neu entwickelte „Mit-mach-Web 2.0“ ermöglicht eine völlig unbürokratische und sehr flexible, sowie transparente und auf Basis von Partizipation und Kollaboration durchführbare, Zusammenarbeit (Stichwort: „Schwarmintelligenz“). Damit können Ergebnisse geschaffen werden, die vor wenigen Jahren noch völlig undenkbar waren. So wurden etwa innerhalb kürzester Zeit, langjährig bewährte Lexika weitgehend durch die Online-Enzyklopädie Wikipedia verdrängt, die auf diesen Grundprinzipien erstellt und gewartet wird. Ein anderes Beispiel sind Crisis-Mapping Projekte wie Ushahidi, mit denen heute innerhalb kürzester Zeit und ohne zentraler Steuerung ein Lagebild in Krisen- und Katastrophenregionen geschaffen wird. Vernetztes Denken und Handeln ist aber nicht nur auf technischer Basis relevant, ganz im Gegenteil, in vielen Bereichen sind Low-Tech und No-Tech Lösungen gefordert. Technik kann zwar in vielen Bereichen unterstützen, aber die zentrale Rolle werden auch weiterhin die Menschen spielen. Daher ist eine verstärkte zwischenmenschliche und organisationsübergreifende Vernetzung erforderlich, um vielfältige und komplexe Probleme nachhaltig lösen zu können. Vernetztes Denken ist keine isolierte Fähigkeit, sondern im wesentlichen die Überschreitung von künstlich geschaffenen (Denk-)Grenzen und der Einsatz eines „gesunden Hausverstands“. Eine wesentliche Hürde stellt dabei unser bisheriges Ausbildungssystem dar, dass im wesentlichen nach wie vor auf die Anforderungen der Industriegesellschaft ausgerichtet ist. Dabei werden Sachverhalte relativ isoliert betrachtet, was sich etwa in der Klassifizierung von Wissenschaftsdisziplinen niederschlägt. So erweist sich die Klassifizierung des Themas „(IKT-)Sicherheit“ als Spezialfach zunehmend als Sackgasse. Sicherheit ist ein Querschnittthema und muss durch alle Akteure verstanden und berücksichtigt werden. Aber auch die klassische Aufsplittung in innere und äußere Sicherheit spiegelt diese alte Klassifizierung wieder, die immer weniger den aktuellen Herausforderungen entspricht. Daher sind auch Querschnittprobleme, wie etwa aus dem Cyberspace, nicht mehr mit dieser „Silo-Kategorisierung“ zu lösen.

Eine mögliche große Herausforderung wurde in der Truppendienstartikelserie zum Thema "Blackout" beleuchtet. Dieses Thema ist zwar sehr wichtig, aber leider nicht das einzige Szenario einer komplexen Schadenslage. Viele Ursachen aber auch Chancen bei den zukünftigen neuen Herausforderungen liegen in der Vernetzung. Damit die vorhandenen Chancen auch ergriffen werden können, ist vor allem vernetztes Denken, auch über Systemgrenzen hinaus, zwingend erforderlich. Wenn es hier auch schon viele positive Beispiel gibt und dies in gewisser Weise auch immer ein Bestandteil von militärischem Denken war (Stichwort Kampf der verbundenen Waffen), so zeigt sich dennoch, dass für das vernetzte Denken in der Netzwerkgesellschaft noch einige zusätzliche Schritte notwendig sind. Alle Soldaten, die den Beginn von Auslandsmissionen miterlebt haben, werden diese besondere österreichische Fähigkeit bestätigen und sicher auch genügend Beispiele bringen können, wie die Rückkehr in den „Kasernbetrieb“ empfunden wurde.

Trotz aller technischen Möglichkeiten wird auch in Zukunft der Mensch die zentrale Rolle spielen, insbesondere im Krisenmanagement. Technik kann zwar unterstützen, sie sollte aber nicht überbewertet werden. Dabei spielt die Kommunikation – eine Krise bedeutet eine Kommunikationsstörung oder -unterbrechung – immer eine wesentliche Rolle. Bei der derzeitigen Risiko- und Krisenkommunikation wird die Bidirektionalität noch zu wenig berücksichtigt. Bisherige Sender-Empfänger-Konzepte sind weitgehend überholt. Für die Bewältigung von zukünftigen Krisen wird die aktive Einbindung der Menschen immer wichtiger.

Eine weitere Erkenntnis ist, dass bei komplexen Schadenslagen die vorgesehenen Hilfsstrukturen völlig überfordert werden und nicht ausreichen. Daher ist eine aktive Einbindung der Bevölkerung, insbesondere durch die Stärkung der Selbsthilfefähigkeit und die Erhöhung der gesamtgesellschaftlichen Resilienz, unverzichtbar. Oft fehlt es nicht am Know-how, sondern an der Zusammenführung und Bündelung und an der Umsetzung. Diese Bündelung ist jedoch nicht im Sinne von Zentralisierung, sondern im Sinne von Vernetzung zu verstehen.

Komplexen Schadenslagen kann nur durch eine proaktive Systemgestaltung nachhaltig begegnet werden. Daher ist es erforderlich, den Fokus verstärkt auf die vernetzte Krisenprävention zur richten und dies am besten noch vor der ersten Krisenerfahrung, da die erwartbaren Schäden in keiner Relation stehen. Dies erfordert aber neue Herangehensweisen in der Risikobeurteilung, Risikokommunikation und im Aufbau einer gesamtgesellschaftlichen Resilienz.

Daher greift die derzeitige Debatte um die Wehrpflicht vollkommen zu kurz, bzw. ist auf rein populistische "Sager" beschränkt - was aus Sicht der Bevölkerung stricktest abzulehnen ist. Den die Bevölkerung wird die Folgen auf eigene Kosten zu tragen haben. Daher ist es unverzichtbar, dass die Bevölkerung in eine breite Diskussion zur Gestaltung der österreichischen Sicherheitspolitik eingebunden wird - indem die Fakten, welche Abhängigkeiten gibt es zum Wehrdienst, welche zukünftigen Erfordernisse zeichnen sich ab, wie kann die gesamtgesellschaftliche Resilienz erhöht werden, usw. auf den Tisch gelegt werden. Auch die Fragestellung, welches Restrisiko in Kauf zu nehmen ist. Nur so kann im Krisenfall auf eine breite Unterstützung zurückgegriffen werden. Die "Vollkaskogesellschaft" wird in naher Zukunft nicht mehr leistbar sein.