ABSCHLUSS FÜR DEN ÖFFENTLICHEN DIENST
Entsolidarisierung
Conrad Seidl

Spott, Häme, Missgunst. Man kennt die Reaktionen der österreichischen Neidgenossenschaft auf Gehaltsabschlüsse des öffentlichen Dienstes. Sie sind heuer besonders bösartig ausgefallen, weil mitten in einer Krise die Verunsicherung besonders groß ist.Da bringt kaum jemand Sympathien dafür auf, dass den öffentlich Bediensteten auch nur die Inflationsrate abgegolten (und damit der Wert ihrer Einkommen gesichert) wird. Da werden alte Vorurteile mit neuem Nichtwissen vermischt, da wird gemurrt, dass „die, die ohnehin un­kündbar sind" (stimmt nicht einmal für die Hälfte der vom Steuerzahler bezahlten Arbeitnehmer) etwas draufbekommen (stimmt nur für einen Teil der kleinen Einkommen).

Diese Entsolidarisierung ist eine Meisterleistung der Desinformation durch die Bundesregierung: Dieselben Politiker, die unfähig sind, die Verwaltung von Grund auf zu reformieren, putzen sich an ihren Mitarbeitern ab. Es stimmt ja, dass der öffentliche Dienst in vielen Bereichen ineffizient ist - aber diese Ineffizienz, das Kompetenzgewirr zwischen Bund, Ländern und Gemeinden, haben nicht die Beamten zu verantworten. Die verantwortlichen Politiker haben das Glück, dass Beamtengewerkschafter Fritz Neugebauer den bescheidenen Kompromiss auf seine breiten Schultern nimmt und seiner Klientel auch noch als Erfolg verkauft. Ein Abschluss wie jener vom Sonntag hätte etwa unter den Metallern zu einem Aufstand geführt.
Quelle: Der Standard, Dienstag 6. Dezember 2011, Kommentar, Seite 28

Meinung des Vorstandes der IGBO:

Conrad Seidl hat punktgenau den Kern des Problems dargestellt. Auch wenn man die Haltung der GÖD als "maßvoll und realistisch" bezeichnen kann erhebt sich die Frage, wem mehr gedient ist: Der Politik oder den Betroffenen.

Irgendwann wird sich die Notwendigkeit ergeben, eine deutlichere Haltung für die Mitglieder der GÖD einzunehmen, auch gegen die "gemachte öffentliche Meinung" und gegen die Interessen derer, die in vielen Fällen den Staat und damit auch uns alle im angeblich öffentlichen Interesse zu ihrem Vorteil "aussaugen".

Denn: Obwohl hunderte Millionen Steuerschulden nachweisbar sind verlangt der Präsident der ÖNB Raidl für "Steuersünder" eine Steueramnestie. Unakzeptabel, meinen wir, denn wer sich strafbar macht darf dafür nicht auch noch belohnt werden, egal, wer er oder sie ist! (vergl. Der Standard vom Montag, 5.12.2011, Wirtschaft, Seite 10, Rubrik "Kurz gemeldet")