Offiziersausbildung und Bolognaprozess -
Was ist der Kernpunkt der Diskussion?  

Sowohl in der ÖMZ (zuletzt Nummer 04/07) als auch im aktuellen Truppendienst (05/07) wird durch ranghohe Offiziere des Bundesheeres über die Offiziersausbildung und eine Militäruniversität referiert. Natürlich unter wiederholtem Hinweis auf den Bologna-Prozess.Ich meine allerdings, dass manche Autoren Fehlschlüsse ziehen und die Ausführungen daher nicht alle Gesichtspunkte berücksichtigen.
Der Bologna-Prozess bedeutet eigentlich, dass sich jeder Mensch durch formales und nicht formales Lernen sowie durch seine Lebens- und Berufserfahrung ständig weiterentwickelt und dadurch eine Steigerung seiner Qualifikation erfährt.
Umgelegt auf die Offiziersausbildung des Bundesheeres bedeutet dies, dass für die Feststellung der Qualifikation jedes einzelnen Offiziers nicht ausschließlich dessen / deren formale Bildung heranzuziehen ist.
Daraus schließe ich, dass es zur Erreichung einer bestimmten Qualifikation immer mehrere Möglichkeiten gibt, die letztlich zum gleichen Ziel führen und daher zu berücksichtigen sind.
Es dürfte daher meiner Meinung nach in der gesamten Offiziersausbildung (eigentlich im gesamten Bereich der Ausbildung im ÖBH) „keine Ausbildungsminute“ geben, die nicht im Rahmen eines gesamtheitlichen Qualifizierungsprozesses liegt und daher bei der Qualifikationsfeststellung unberücksichtigt bleibt.

Die in der letzten Zeit zur Diskussion gestellten Modelle für eine „Offiziersausbildung NEU“ berücksichtigen gerade diese Faktoren meiner Meinung nach nicht ausreichend und weisen vor allem einen gravierenden Mangel auf: Sie widersprechen dem Prinzip der Einfachheit.
Bemerkungen wie etwa „Wir brauchen keine akademischen Grade, wir haben Dienstgrade!“ weisen den gravierenden Nachteil auf, dass sie die in Österreich geltenden gesellschaftlichen Regeln ignorieren. 

Die Kernfrage

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die stattfindende und wohl auch notwendige Diskussion um die Offiziersausbildung und die Militäruniversität sich um die wirkliche Kernfrage in dieser Angelegenheit bislang nicht gekümmert hat. Diese Kernfrage lautet meiner Meinung nach:
Welche Kompetenzen muss ein junger Leutnant beim Antritt seines Dienstes in seinem Verband haben damit er (sie)

die gestellten Aufgaben auch im Einsatz mit größter Wahrscheinlichkeit erfüllen kann,
von der Gesellschaft mit entsprechender Achtung und Wertschätzung bedacht wird und

daher in der Lage ist, dem Verband (letztlich daher dem ÖBH) höchstmögliches Ansehen zu verschaffen.

So lange diese Kernfrage nicht ernsthaft diskutiert und gelöst wird ist es meiner Ansicht nach unmöglich, über die Offiziersausbildung und eine Militäruniversität ernsthaft zu diskutieren.
Wie ich bereits aufgezeigt habe, weisen verschiedene Berufe eine vergleichbare „Einstiegsqualifikation“ auf.
Die seitens des BMLV für den Offiziersberuf als erforderlich vorgesehene „Einstiegsqualifikation“ für die Offiziere des Truppendienstes ist genau jene, die etwa zum Beispiel auch Diplomkrankenschwestern oder diplomierte Sozialarbeiter aufweisen.
So weit so gut.
Wo aber liegt die Begründung für diese „Einstiegsqualifikation“? Warum reicht ein Bacchelor - Studium und die damit erworbene Qualifikation? Auf diese Frage sind mir bis dato keine Antworten gegeben oder bekannt geworden.

Klar aber ist, dass der Vergleich mit anderen Berufen angestellt und damit jeder Offizier des Bundesheeres aber auch die Organisation als solches von der Gesellschaft eingeordnet wird. 
Bemerkungen wie „wir brauchen keinen akademischen Grad, wir haben einen Dienstgrad“ ignorieren eben diesen gesellschaftlichen Prozess des Vergleichens und sind wahrscheinlich am derzeitigen gesellschaftlichen Status des Bundesheeres nicht ganz unbeteiligt. Sie sind schlichtweg falsch und widersprechen den Gepflogenheiten jener Gesellschaft, deren Teil wir sind.
Sie ignorieren auch die Tatsache, dass ein Heer in Friedenszeiten sich nicht alleine durch militärisches Können in der Bewertung durch die Gesellschaft behaupten kann.
Aus diesen und ähnlichen Bemerkungen sowie einem daraus abgeleiteten Verhalten beziehungsweise Informationspolitik resultiert meiner Ansicht aber auch, dass die Gesellschaft heute außer Stande ist, das Bundesheer und dessen Führungskräfte entsprechend einzuordnen. Die Konsequenzen daraus sind dann oft völlig falsche Vorstellungen (z. B. betreffend unseren Gehalt) und damit zum Beispiel eine mögliche (finanzielle) Überforderung vor allem von jüngeren Offizieren. Daraus wiederum resultiert, dass sich diese aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen und damit das Bundesheer oft in der Gesellschaft nicht mehr präsent ist. Eine, so meine ich, gesellschaftspolitisch für das Bundesheer und damit für uns „tödliche Spirale“. 

Wir brauchen also - und davon bin ich überzeugt - neben unseren militärischen Dienstgraden allgemeinverständliche Signale, die dem Rest der Gesellschaft eine (gesellschaftliche) Einordnung erlauben. Ich stelle das fest im Bewusstsein, dass es darüber hinaus immer auch eines entsprechenden Könnens und Wissens sowie menschlicher Qualitäten bedarf, um als Einzelperson anerkannt zu sein.

Offiziersausbildung und Militäruniversität

 

Aus den oben gemachten Ausführungen leite ich ab, dass sich das Bundesheer insgesamt und das Offizierskorps als solches selbst schaden, wenn wir uns nicht „auf eine entsprechende Stufe“ stellen. Und diese „entsprechende Stufe“ ließe sich an Hand von erforderlichen Kompetenzen ganz leicht begründen. Sachlich korrekt und inhaltlich unwiderlegbar. Ich gestehe ein, dass dann natürlich auch die entsprechenden (besoldungsrechtlichen) Schritte folgen müssen, wollen wir uns tatsächlich weiterentwickeln.

Dabei scheint mir ein weiterer gravierender Trugschluss als höchst kontraproduktiv, der da lautet: Das Bundesheer bekommt eine bestimmte Menge Geld. Davon wird für den Betrieb und für Investition ein gewisser Teil benötigt, daher darf das Personal eben nur den Rest kosten. Und nach eben „diesen Rest“ richtet man sich dienst- und besoldungsrechtlich aus, nicht nach der bestmöglichen Auftragserfüllung. Begründet wird das dann vielleicht auch noch mit betriebswirtschaftlichen Argumenten. 
Das ist schlichtweg falsch, meine ich. Denn ich schließe mich absolut der Meinung eines Juristen unseres Ressorts an, der in einem Gespräch sinngemäß meinte: „Wir müssen haushaltsrechtlich denken und handeln und nicht betriebswirtschaftlich. Und da steht die Auftragserfüllung im Vordergrund, was betriebswirtschaftlich manchmal als unmöglich zu beurteilen ist.“

Erinnern wir uns an den Bologna - Prozess und bewerten wir die vorgeschlagenen Modelle für die künftige Offiziersausbildung einmal danach. Der logische Schluss muss lauten: Modelle, die „nicht anrechenbare“ Ausbildungszeiten ausweisen, widersprechen eindeutig dem Bologna - Prozess und sind daher abzulehnen!
Und erinnern wir uns an einen (alten) militärischen Grundsatz der da lautet: „Nur das Einfache hat Erfolg!“ Wenn wir die nach der obigen Bewertung verbleibenden Modelle für eine mögliche Neugestaltung der Offiziersausbildung danach beurteilen, wäre eigentlich der Rest „auszuscheiden“ und neu zu beginnen.
Dieser Neubeginn sollte nach einer Kompetenzdiskussion und nach Erarbeitung eines Kompetenzmodells für die Offiziersfunktionen tatsächlich stattfinden. Bis dorthin wären wir aber gut beraten, keine Änderungen vorzunehmen. Denn ohne entsprechende Begründung vorgenommene Änderungen könnten sich als gravierender und unreparabler Fehler herausstellen.
 
Mit Recht können wir uns erwarten, dass jede militärische Führungspersönlichkeit dies erkennt und vermeidet, vor allem dann, wenn sie auch akademisch gebildet ist.