Unzeitgemäß und überholt ? Wer? Was? 

Mit den Gemeinplätzen „unzeitgemäß“, „überholt“ wurden Umgestaltung der Landesverteidigung  und Vorbereitung einer Bürgermitwirkung für eines der wichtigsten und zukunftsträchtigen Projekte in der Geschichte der zweiten Republik eröffnet! Dank der unprofessionellen Vorbereitung der überfälligen Reform des Bundesheeres ist eine Debatte auf einer niederen Ebene der Projektabfolge (Diskussion von Struktur- und Durchführungsproblematik) entstanden und so der erste Projektschaden schon angerichtet. Diese Debatte verläuft nämlich derzeit ungeordnet mit zahlreichen auch unsachlichen Wortmeldungen, „Datenschleudern“ ohne Quellenangaben, unklaren Trennungslinien zwischen Vermutungen und Fakten, mit undeklarierten Annahmen ohne Angaben von Hintergründen. In diesem vordergründigen Mischmasch ist vor allem das Fehlen einer Wertediskussion und das Fehlen von Strategieparametern (national und EU-Komponente) unter gegangen. Welche Werte hat eigentlich die Wehrpflicht? Dies lediglich mit Schlagworten wie Lebensabschnittverlust, Systemerhalterausbildung, Alkoholgefahr, Schmälerung der Lebensverdienstsumme im Voraus abzutun ist oberflächlich und wird der Wichtigkeit der immateriellen Komponente der Ressource „Wehrpflicht“  und den möglichen künftigen Auswirkungen von Beibehaltung oder Entfall derselben nicht gerecht.

Eines ist klar: Am Bundesheer muss viel verbessert und erst recht neu gestaltet werden - z. B. sind Wehrdienst am Kopiergerät, als ewiger Wachsoldat, als Postholer, als Lenker ziviler Fahrzeuge Zeitdiebstahl, ist Ausbildung nicht den modernsten Grundsätzen der Erwachsenenbildung folgend ein Unding, ist eine Verwaltungs- und Besoldungsreform auch hier unabdingbar, ist eine Vorbereitung auf militärischen Operationen durch Rüstung und Ausbildung ohne Basis auf aktuelle und künftige Bedrohungsbilder und national und international abgestimmte Aufgabenkataloge nicht zweckerfüllend usw. usw. Nebenbei gesagt fällt dies alles auch für ein Berufsheer/Neu an. Aber diesen Reformstau als Knüppel in Richtung Ausschalten der Wehrpflicht zu schwingen ist ziemlich vordergründig.

Hingegen ist es unbedingt notwendig die in der Beginnphase versäumte Ressourcenerfassung und -beurteilung umgehend nachzuholen und Ergebnisse daraus mit den offensichtlich schon getroffenen Entscheidungen und bereits entwickelten Konzepten rückzukoppeln. Die Wehrpflicht ist dabei eine zu wichtige Ressource um tot geschwiegen zu werden!

 

Zur Wehrpflicht meine Gedanken: Mit der Wehrpflicht wird eine staatstragende Hoheitsaufgabe durch alle Staatsbürger, also alle Bevölkerungsschichten, in einem einheitlichen Dienstanzug (Uni-Form) erfüllt – eine Aufgabe die wie keine andere am Ende nur unter Einsatz des eigenen Lebens und unter exzessivem Waffengebrauch gegen andere Menschen verrichtet werden kann. Diese außerordentliche Aufgabe dient den Interessen des gesamten Staates und eine Mitwirkung daran kann, außer bei Gewissensgründen, nicht der Entscheidung des Einzelnen überlassen werden. In letzter Konsequenz endet das prinzipielle Ablehnen von Wehrpflicht doch bei totaler Gewaltfreiheit, Trittbrett-Fahren auf Kosten anderer, Auswandern oder Unehrlichkeit („Sich die Hände nicht schmutzig machen und andere tun lassen“) und Egoismus. Mit dem Entfall der Wehrpflicht ginge allen Österreichern eine gemeinsame Klammer und das Ethos in der Verteidigung des Wohlergehens des eigenen Staatswesens verloren – ich persönlich wäre nie und nimmer zu einer Berufsarmee eingerückt. Das Schlimme ist, dass der Entfall der Wehrpflicht nicht irgendwelche Job-Jäger oder Indianerspieler im Bundesheer, sondern vor allem die Idealisten des Aktivstandes und der Miliz träfe. Die Motivation einen bestimmten Beruf zu ergreifen, wird durch feste Überzeugung des Sinnes dieser Wahl, ehrliches Engagement, Ansehen des Berufes und Entlohnung bestimmt. Wenn aus diesem Gebilde der Schlussstein Wehrpflicht gezogen wird, stellt sich für mich die Frage wie dieser Wert unter österreichischen Verhältnissen (wenig Ansehen, mittleres Einkommen verlagern das Gewicht stark auf die beiden anderen Komponenten) genügend ersetzbar ist. Beispielsweise steht in Großbritannien, Frankreich, Irland, Schweden die Tradition im Hintergrund hilfreich zur Verfügung.  In Österreich stehen dafür das ausgezeichnete Heeresgeschichtliche Museum und die Militärmusiken ein. Wird dies angesichts der Altlast des bisher dürftigen Einsatzes für das Bundesheer seitens Politik und Gesellschaft ausreichen, um die entsprechende Qualität des Personals anderweitig zu erreichen?

Ende Leserbrief